Experteninterview: HIV-Coming-out am Arbeitsplatz

Seit vielen Jahren ist Gabriele Kalmbach in der AIDS-Hilfe Hamburg Ansprechpartnerin für Menschen mit HIV im Arbeitsleben. Mit ihr haben wir über verschiedene Aspekte eines HIV-Coming-outs am Arbeitsplatz gesprochen. Es geht um Reaktionen, Vorbereitung und Chancen.

Zunächst einmal ganz allgemein: Was löst Ihrer Erfahrung nach die Bekanntmachung einer HIV-Infektion bei Menschen aus?
Die Bekanntmachung jeder Krankheit löst beim Gegenüber spezifische Assoziationen aus, denn jede Krankheit hat ihre eigene, gesellschaftliche, historisch gewachsene Bedeutung und Zuschreibung, beinhaltet also bestimmte Vorstellungen und (Vor-)Urteile gegenüber der*m Erkrankten. Im Falle einer HIV-Infektion schwingen oftmals Schuldzuschreibungen und Ansteckungsängste mit, mit denen sich bei der Bekanntgabe beide Parteien auseinandersetzen müssen. Die einfache Aussage „Ich bin HIV-positiv“ ist heutzutage leider nur in seltenen Fällen ausreichend. Ohne Erklärungen und Aufklärung entstehen Verunsicherungen und bestehende Vorurteile bleiben erhalten.

Gibt es Besonderheiten, die für ein Coming-out im Arbeitsleben oder in bestimmten Berufen gelten?
Ja, die gibt es, insbesondere für das Gesundheitswesen. Gerade hier geht es um nahen, manchmal intimen Kontakt zu anderen Menschen, der verstärkt zu Ängsten und Abwehrverhalten führen kann. Folgende Aspekte und Fragen kommen hier zum Tragen: Kann der*die Mitarbeiter*in andere Patient*innen anstecken? Wie reagieren unsere Patient*innen oder Kund*innen, wenn die Infektion bekannt wird? Ist der*die Mitarbeiter*in den Aufgaben und Leistungsanforderungen überhaupt gewachsen? Es muss klar sein, dass diese Aspekte auftauchen und besprochen werden müssen, wenn die eigene HIV-Infektion (vor allem in Gastronomie und Gesundheitswesen) bekannt gemacht werden soll.

Muss man auch mit intimen Fragen rechnen? Wie sollte man damit umgehen?
Ja, einer*m HIV-Positiven sollte bewusst sein, dass auch intime Bereiche angesprochen werden. Fragen zum Ansteckungsweg beispielsweise, sie implizieren häufig auch die Frage zur Schuld. Kommt eine Frage dieser Art, würde ich persönlich diesen Aspekt hervorheben, ohne die Frage zu beantworten. Auch Fragen zum aktuellen Gesundheitszustand sind nicht einfach zu beantworten, zumal sich dieser phasenweise verändern kann. Gegenüber Vorgesetzten und Führungskräften würde ich es auch hier bei allgemeinen Aussagen belassen.

Wie können sich HIV-positive Arbeitnehmer*innen auf ihr Coming-out vorbereiten?
Um auf mögliche Fragen des Gegenübers reagieren zu können und abzustecken, was man über sich preisgeben möchte, sollten sich Arbeitnehmer*innen vor einer Bekanntmachung selbst einige Fragen beantworten: Aus welchem Grund möchte ich meine Infektion bekannt geben? Will ich vor allem Verständnis für mich als Person? Ist es wichtig, dass der*die Arbeitgeber*in von meiner Infektion weiß? Brauche ich etwa Unterstützung oder gibt es spezifische Einschränkungen, die ich nur mit dem*der Arbeitgeber*in besprechen kann? Habe ich die Kraft und das Standing, Aufklärung zu leisten und Vorbehalte abzubauen? Will ich Unwissenheit, Vorurteile und Fehlinformationen bezüglich HIV abbauen, Sichtbarkeit herstellen und eine Normalisierung im Umgang voranbringen? Warum ist es mir wichtig, dass dieser Aspekt von mir bekannt wird?

Wer ist für ein HIV-Coming-out am Arbeitsplatz der*die richtige Ansprechpartner*in?
Welcher Person gegenüber die eigene Infektion bekannt gegeben werden sollte, ist immer an Grund und Zweck der Bekanntgabe gebunden. Brauche ich Unterstützung oder spezielle Hilfen oder Änderungen aufgrund diverser Auswirkungen meiner Infektion, wäre der Betriebsrat die richtige Wahl. Dieser nimmt die Partei der Arbeitnehmer*in ein und vertritt diese vor der Leitungsebene. In kleineren Betrieben wäre der*die Arbeitgeber*in die richtige Ansprechperson. Geht es um kollegiale Beziehungen, um Verständnis und Mitgefühl wäre ein*e gute*r Kollege*in meine erste Wahl.

Wie offen können Menschen mit HIV heutzutage mit ihrer Infektion im Beruf umgehen? Gibt es hier Entwicklungen, die Mut machen?
Vor allem größere Betriebe legen inzwischen sehr viel Wert auf Diversity und Diskriminierungsfreiheit. Diese Punkte sind dann oftmals in deren Agenda und Leitbild fest verankert. Solche Unternehmen bieten eine gute Chance, auch auf höherer Ebene die eigene Infektion bekannt zu machen. Gerade in der Technologie- und Computerbranche kann nicht mehr auf das Wissen verschiedener Nationalitäten und Identitäten verzichtet werden, so dass einige Unternehmen die Gleichbehandlung und Selbstverständlichkeit von HIV-positiven Arbeitnehmer*innern aktiv bewerben. Mit Imagefilmen haben sich zum Beispiel zwei große Technikkonzerne zu ihren HIV-positiven Mitarbeitern bekannt und dies öffentlichkeitswirksam beworben. Auch einige Modekonzerne, bei denen HIV-positive Mitarbeiter*innen arbeiten, machen HIV zum Thema und veranstalten Aufklärungskampagnen für ihre Mitarbeitenden. So gibt es nicht nur Vorbehalte gegenüber der Bekanntmachung der eigenen HIV-Infektion, sondern auch Chancen, dies für die weitere Lebensführung zu nutzen.

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